Nachhaltigkeit in der IT-Infrastruktur

Bei der Auswahl unserer landwirtschaftlichen Werkzeuge achten wir auf Langlebigkeit, Umweltverträglichkeit bei Herstellung, Betrieb und Entsorgung sowie weiteren Faktoren der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit. Auch bei digitalen Werkzeugen, also Software, können wir darauf achten, wie deren Gebrauch direkt oder indirekt auf uns und unser Klima wirkt und wie nachhaltig deren Entwickler:innen und Anbieter:innen agieren. Denn mit der wachsenden Digitalisierung steigt auch der Ressourcen- und Energieverbrauch für Herstellung und Betrieb von Software und Hardware. Um euch für dieses Thema zu sensibilisieren, findet ihr im folgenden eine erste Orientierung nach welchen Kriterien ihr Produkte und Dienstleistungen im Bereich der IKT (Informations- und Kommunikations-Technologie) bewerten könnt.

Die wichtigsten Fragen, die ihr euch stellen solltet: Wofür genau (für welchen Prozess) soll Software eingesetzt werden und mit welchem Ziel? Ist der Prozess überhaupt der richtige und wird er durch den Einsatz einer Software verbessert? Wer soll die Software wie benutzen können? Auf dem Acker passiert uns das vermutlich eher selten, dass wir z.B. versuchen, mit einem Hammer die Erde umzugraben. Im digitalen Raum lässt sich etwas Vergleichbares aber noch oft beobachten, weil wir in der verhältnismäßig kurzen Zeit noch wenig Kultur zum Umgang und Gebrauch digitaler Technologien entwickeln konnten.

Nicht immer lassen sich alle Ansprüche vereinbaren. Oft kommt es zu Zielkonflikten, wenn die Kosten für die perfekte Software zu hoch sind oder das alternative Produkt noch nicht ausreichend gereift oder schwerer zugänglich ist. Wir sind daher immer wieder am Abwägen und Aushandeln. Viele Anwendungen benötigen zudem längere Testphasen, ehe diese in der gesamten Organisation verwendet werden können.

Auswahlkriterien

Bei der Zusammenstellung der Nachhaltigkeitskriterien für Software und deren Anbieter:innen haben wir viel selbst erarbeitet, da bisher keine einschlägigen Kriterienkataloge und Bewertungssysteme vorliegen, die einen Nachhaltigskeitsanspruch haben, der über die ökologische Dimension hinaus geht. Wir haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und freuen uns über Anregungen und Austausch zur folgenden ersten Übersicht.

Im Folgenden findet ihr eine Reihe von Auswahlkriterien, anhand derer man die Wahl der eigenen verwendeten Software sowie der beauftragten IT-Dienstleister:in eingrenzen kann.

Umweltauswirkung

Energieverbrauch

Hier geht es in erster Linie um Strom, den Hardware bei der Nutzung der Anwendung verbraucht. Dieser wird vom eigenen Rechner oder Smartphone verbraucht, aber auch von den eingesetzten Servern der IT-Dienstleister:innen oder Dritten, beim Hosting und Betrieb Software und zugehöriger Datenbanken und Schnittstellen. Die folgenden Aspekte lassen sich z.T. leider bisher nur mit erheblichem Aufwand von den Nutzenden selbst überprüfen:

  • Ist der Energieverbrauch im Betrieb oder im Leerlauf übermäßig hoch (z.B. durch unnötig geladenen Code)?
  • Auch durch ständige Serververbindungen (z.B. zum automatischen Synchronisieren von Daten mit einer externen (Cloud-)Datenbank im Minutentakt) kann der Energieverbrauch unnötig hoch sein.
  • Gibt es energiesparende Voreinstellungen? Die Voreinstellung einer Software kann entscheidend dazu beitragen, ob mehr oder weniger Energie verbraucht wird. Bei der Videotelefonie z.B., verbraucht die Übertragung von Kamerabildern oder das Teilen des Bildschirms in hoher Auflösung wesentlich mehr, als in geringer Auflösung.
  • Fördert das Design der Anwendung, dass diese länger als notwendig betrieben wird? Das kann z.B. durch das automatische Abspielen des nächsten Inhalts erfolgen.
  • Videos, 3D-Grafiken usw., aber auch übergroße Bilder erhöhen den Energieverbrauch aufgrund der ausgespielten Datenmengen erheblich. Dies ist zusätzlich der Fall, wenn neben den eigentlichen Inhalten Werbung ausgespielt wird.
  • Unnötige Features und Funktionen führen zu unnötigem Energieverbrauch.

     

    Hardwarenutzungsdauer

    Hardware wie Laptop oder Smartphone, aber auch für Server, sind aktuell in vielerlei Hinsicht ökologisch und sozial problematische Produkte – bei der Herstellung und der Entsorgung. Eine lange Nutzungsdauer der Geräte ist daher besonders relevant.

    • Fördert die Anwendung den Verschleiß von Hardware?
    • Wird neue Hardware erforderlich, nur weil keine Updates mehr zur Verfügung gestellt werden?

     

    Langlebigkeit von Software

    Die Langlebigkeit einer Software wirkt sich direkt auf die Hardwarenutzungsdauer aus.

    • Der Quelltext muss öffentlichen zugänglich (Open Source) und verständlich (menschengeschrieben) dokumentiert sein, damit die Software nachhaltig genutzt werden kann und nicht von den Anbieter:innen der Software abhängt.
    • Software, deren Quellcode nicht öffentlich zugänglich ist, nennt man proprietär.
    • Update einer Software muss unabhängig von deren ursprünglich. Entwickler:innen möglich sein.
    • Die Übertragung der Software von einem System auf ein anderes, muss unabhängig von den Hersteller:innen der Software sein.

    Soziale Auswirkungen und Datenschutz

    Gemeinwohlorientierung

    Die Verteilung der Gewinne der Hersteller und Betreiber soll auf alle (bzw. möglichst viele) erfolgen. Konzentration auf wenige Monopole , wie z.B. IT-Großkonzerne oder Mega-Plattformen, können vermieden werden. Außerdem kann auf Netzneutralität geachtet werden: Die Software soll für alle gleich zugänglich und neutral gegenüber Inhalten sein. Gemeinschaftsgetragene Infrastrukturen spielen auch in der IKT eine große Rolle.

    Beispiele:

    • Peer-to-peer-Modelle / Fediverse (bitTorrent, PeerTube, Mastodon, Nextcloud, Pixelfed)
    • Internet als Commons (Wikipedia, OpenStreetMap, GNU/Linux)
    • Open Source
    • Freie Software
    • Kooperative Plattformen
    • Werte der GWÖ bei IKT-Diensleister:innen

     

    Barrierefreiheit

    Eine Software oder digitale Dienstleistung soll möglichst für alle Menschen barrierefrei nutzbar sein. Barrieren können körperlichen, sozialen oder finanziellen Einschränkungen sein. Zu einer Software-seitigen barrierefreien Gestaltung gehört z.B. die Trennung von Text und Layout als Grundlage für Bildschirmleser und eine Ausgabe in Braille. Daneben kann auch fehlende Bandbreite eine Barriere darstellen.

     

    Nutzungsautonomie

    „Ein Softwareprodukt soll die Autonomie des Nutzenden im Umgang mit dem Produkt nicht einschränken und es soll keine Abhängigkeit schaffen“, definiert der Blaue Engel. Darunter gehören:

    • Transparenz der Datenformate und Datenportabilität,
    • Interoperabilität und Schnittstellendokumentation
    • Dauerhafte Unterstützung des Produkts mit Sicherheitsupdates
    • Transparenz über aktive Prozesse (durch die Software im Hintergrund gestartet oder trotz scheinbarem Schließen der Software nicht beendet)
    • Deinstallierbarkeit und Datenwiederherstellbarkeit
    • Selbstreparaturfähigkeit Modularität, Offline-Fähigkeit und Qualität der Produktinformation

     

    Datenschutz

    Aspekte für konsequenten Datenschutz sind Aspekte sind Datensuffizienz, Privacy by Design. Aber auch die Frage des Dateneigentums spielt eine Rolle. Bestenfalls liegt dies bei den Nutzenden selbst.

    Zum Thema Datenschutz sind bereits gesetzliche Vorgaben vorhanden. Viele Informationen findet man in der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), z.B. zur Datensparsamkeit und -minimierung und Kopplungsverbot. Die Einhaltung dieser Vorgaben sollte die Mindestanforderung an Software darstellen. Bestenfalls per default, also ohne Grundeinstellungen verändern zu müssen.

    Ebenso ist es wichtig, auf minimales Tracking zu achten. Auf folgendes kann man berücksichtigen:

    • Möglichkeit der lokalen Installation
    • Transparenz über die Datenübermittlung
    • Explizite Einwilligung der Nutzer:in

    Solawi gegen Rechts